Pausen

Das Schöne an musikalischer Arbeit ist, dass man so viel Nützliches dabei für das tägliche Leben lernen kann. Leben ist atmen. Und Singen ist auch atmen.
So schenkte mir die Arbeit im Studio mal wieder ein paar Erkenntnisse:
Die Pause ist etwas Essenzielles und in der Musik ebenso wichtig wie die gesungenen, oder gespielten Töne. Letztendlich bestimmen sie die Phrasierung und gemeinsam mit dem Rhythmus den Wiedererkennungswert einer Melodie. Uns Sängern gibt sie den Moment um zu atmen und unseren Körper auf die nächste Tonfolge vorzubereiten. Musiktheoretisch und gesangpädagogisch eine logische Sache: Wenn in den Noten eine Pause steht spielen oder singen wir nicht. Denn so will es der Komponist. Im täglichen Leben sieht es mit der Pause anders aus, da uns niemand sagt, wann wir sie machen sollen. Und so arbeiten, lernen oder musizieren manche Menschen so lange bis sie nicht mehr können und ihr Körper sie zu einer Pause zwingt.
Pausen sind die Momente in unserem Leben, wo wir schlafen, auf dem Balkon sitzen, uns ausruhen und Kraft schöpfen. Nicht die Momente wo wir ausnahmsweise mal tagsüber zu Hause sind und unsere Wohnung putzen. Wir Menschen sind wie das Meer mit Ebbe und Flut: Wir brauchen eine Ausgewogenheit aus Aktivität und Passivität. Arbeit und Entspannung. Erst dann können wir unsere besten Leistungen erzielen, denn Arbeit und Erholung bilden eine Einheit.

„Ayleén! Arbeit und Relax!“, höre ich manchmal, wenn ich mich mal wieder vor lauter Aktivitäten überschlage, die Stimme meines Gesangslehrers in meinem Kopf und dann besinne ich mich zur Ruhe.
Immer wenn er diesen Satz sagte, hatte ich zwar die Übung gut gesungen aber anschließend die Atempause nicht genutzt um den Körper zu entspannen, sondern bin in der Anspannung geblieben, habe schnell Luft geholt und weiter gesungen. Klappt ein paar mal. Genau wie man auch eine Zeit lang jede Nacht nur fünf Stunden schlafen kann. Es geht. Für ein paar Wochen.
Heute sehe ich dasselbe Phänomen bei meinen Schülern jeh nach Stress – und Arbeitspegel. Bei Schülern mit Workaholic-Tendenz wird die Einatmung manchmal komplett abgekürzt und durch ein winziges Luft schnappen ersetzt. Des weiteren hat es sehr oft damit zu tun, ob der Mensch grade „in Eile“ zum Gesangunterricht gehetzt ist, oder nicht, ob die Atmung gut funktioniert oder nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es manchmal hilft einfach das Unterrichtstempo komplett runter zu fahren, damit die Menschen aus ihrer Alltags-Geschwindigkeit heraus und in ihre Ruhe kommen.
Schließlich ist der Gesangsunterricht für meine Schüler ihre Freizeit. Also Ihre Pause und sie sollen Kraft daraus schöpfen und nicht noch mehr Stress haben.
Einfacher wäre das Leben wenn uns im Lebensalltag, wie auf einem Notenblatt die Pausen einfach vom Komponist „verordnet“ würden. Da wir Künstler unsere Arbeit lieben, fühlt sie sich manchmal nicht wie Arbeit an und es fällt leicht immer weiter zu machen. Das ist sehr schön, aber es birgt auch eine große Verantwortung. Denn der Tag gehört zu Nacht und die Ebbe zur Flut. Die Einatmung zur Ausatmung und die Ruhe zur Arbeit. Es ist wichtig die freie Zeit die man hat mit Rekreation zu nutzen anstatt in der Anspannung zu verharren. Dieses gilt für alle Menschen. Nicht nur für diejenigen, die singen.