Die Komfortzone und der Fortschritt

Es liegt mir am Herzen von meinen Erfahrungen aus der Arbeit im Gesangstudio zu berichten und von Dingen die ich immer wieder beobachte. Vielleicht hilft es Menschen die unterrichten, oder Unterricht nehmen oder macht Prozesse bewusst, die beim Lernen von Musik stattfinden.

In der Arbeit an sich selbst wird man immer wieder vor kleinere oder größere Hürden gestellt und oft wartet erst dahinter der Fortschritt.
In der stimmlichen Entwicklung und im Gesangunterricht ist es genau so. Ich spreche in diesem Fall nicht von rein praktischen technischen Schwierigkeiten und stimmlichen Begrenzungen sondern von der Tendenz sich repertoiretechnisch auf sicherem Terrain zu bewegen. Vor allem bei ambitionierten Hobbysängern passiert das oft. Wenn man sich sein Konzert Programm und Repertoire komplett selbst aussuchen kann und nicht vom Singen abhängig ist, singt man in der Regel, was man kann und was einem gefällt. Wenn man heraus gefunden hat dass irische Volkslieder einem gut liegen, singt man eben irische Volkslieder.

Ich sage nicht, dass das falsch ist. Im Gegenteil! Ich freue mich immer sehr, wenn ein Schüler sein Gengre gefunden hat in welches er stimmlich und persönlich hinein passt und aufblühen kann. Trotzdem denke ich dass es weiteren Fortschritt verhindert, wenn im Gesangsunterricht ausschließlich die Lieblingslieder des Schülers gearbeitet werden.
Ich habe sehr positive Erfahrungen damit gemacht, meinen Schülern gelegentlich ein Stück auf den Notenständer zu legen, welches sie sich selbst nie aussuchen würden. Ich habe zum Beispiel einen Rocksänger „O sole mio“ singen lassen und eine Kirchenmusikerin Edith Piaf. Zuerst war die Reaktion bei beiden: „Das kann ich nicht!“
(Eine Anmerkung für pädagogische Kollegen: Sie sagten „kann“ nicht „will“. Hier sieht man, dass Menschen, die zu uns in den Unterricht kommen, manchmal gar nicht abgeneigt sind etwas Neues auszuprobieren, sondern es sich einfach nicht trauen. Dann liegt es also am Lehrer seinem Schüler aus der Komfortzone heraus zu helfen, indem er ihm etwas zu traut.)
Der Effekt dieser musikalischen Ausflüge in andere Welten, den ich immer wieder beobachte, besteht darin dass der Sänger seine Komfortzone erweitert, an Selbstsicherheit gewinnt und mit noch größerer Selbstverständlichkeit sein Repertoire singt. Er ist über seine Grenze gegangen und hat gesehen, dass dahinter noch was geht. Somit wurde die Grenze erweitert.
Mit diesen musikalischen Ausflügen habe ich sehr schnell große stimmliche Fortschritte erzielen können, auch wenn meine Schüler mich in der ersten Sekunde mit großen zweifelnden Augen angeschaut haben.

Ich habe den Effekt auch an mir selbst beobachten können: Immer wenn ich vor besonderen Herausforderungen stand, habe ich mich durch die Arbeit daran weiter entwickelt. Im Beruf werden wir immer wieder vor neues Repertoire und neue Herrausforderungen gestellt. Wir müssen uns nicht selbst darum kümmern, die neue Klavierauszüge liegen plötzlich auf dem Schreibtisch und man hat einen Termin wann man sie singen muss. So erweitert sich die Komfortzone gemeinsam mit dem Repertoire im beruflichen Alltag als Sänger.

Wenn man unterrichtet ist es wichtig, gemeinsam mit den Schülern auch diesen Effekt zu erzielen ohne Druck auszuüben. Man sollte sie aber fordern und ermutigen neues auszuprobieren anstatt es sich hinter dem Klavier bequem zu machen und zu begleiten, während der Schüler seine Lieblingslieder singt.
In meiner Arbeit unterstütze ich ambitionierte Laien und Profis auch bei der Vorbereitung auf Konzerte. Natürlich soll man im Konzert, grade wenn man den Luxus hat es sich selbst auszusuchen, das singen was man am liebsten und am besten singt. Aber für die stimmliche Entwicklung, für die Selbstsicherheit und die Bühnenpräsenz ist es wichtig die Arbeit im Gesangunterricht zu nutzen um Neues zu probieren und seine musikalische Komfortzone zu erweitern. Denn Fortschritt entsteht nicht durch Wiederholung von etwas was man bereits  kann.