Konstruktiver Unterricht

Obwohl ich durch mein derzeitiges Theaterengagement zur Zeit wenig unterrichte, gibt es wieder neue Erkenntnisse über die Lernprozesse beim Singen.
Dieser Artikel soll Schülern helfen den Lernprozess im Gesangsunterricht durch die innere Einstellung zu beschleunigen und Lehrer dazu motivieren ohne Leistungsdruck zu unterrichten.
Mir ist aufgefallen, das Schüler, wenn ich neue Übungen mit ihnen mache manchmal sehr zaghaft einsetzen. Ich habe festgestellt, dass ich das gewünschte Ergebnis am schnellsten erziele, wenn ich den Leistungsdruck aus der Situation nehme und den Schüler bitte seiner persönlichen Leistung gegenüber gleichgültig zu sein. Ich rufe ihm ins Gedächtnis, das wir im Unterricht Fehler machen dürfen und das ein lauter falscher Ton besser ist als ein leiser falscher Ton.
Das Wort „Gleichgültigkeit“ ist in unserer Gesellschaft sehr negativ besetzt. Besonders im Bereich Arbeit oder Lernen. Man soll motiviert sein und Einsatz zeigen am besten hundert Prozent.
Leider sendet das Gehirn in diesem sehr motivierten, leistungsorientierten Zustand zwei verschiedene Signale an den Körper, welche sich gegenseitig widersprechen.
Das eine Signal lautet: Ich möchte die Übung singen.
Das andere Signal lautet: Ich möchte die Übung RICHTIG singen.

Ersteres Signal ist das, was wir im Gesangsunterricht brauchen um einen Fortschritt zu erzielen.
Warum? Wenn wir eine neue Übung singen mit dem Anspruch sie sofort richtig zu machen tritt ein Verhinderungsmechanismus ein: Das Unterbewusstsein sagt: „Vorsicht, du könntest Fehler machen.“
In diesem Moment bekommt der Körper zwei widersprüchliche Signale:
Erstens vom Bewusstsein: Sing die Übung!
Zweitens von Unterbewusstsein: Sei vorsichtig! Du könntest Fehler machen!
Das Resultat ist ein zaghafter, angezweifelter Ton, der die Möglichkeit verbaut, einfach nach zu singen, weil das Gehirn zwei verschiedene Signale an den Körper sendet: Singen und zögern.
Mir ist aufgefallen dass dieser Verhinderungsmechanismus bei älteren Menschen stärker ist, als bei Kindern. So kann man zu dem Schluss kommen, dass in einem längeren Leben öfter die Erfahrung gemacht wurde für Fehler kritisiert zu werden. Daher bemüht sich das Unterbewusstsein ganz besonders diese zu vermeiden.
Vielleicht liegt in diesem Phänomen das Geheimnis, warum sich das Gerücht so hartnäckig hält, es sei als Erwachsener zu spät Singen oder ein Instrument spielen zu lernen. (Nach meiner Erfahrung übrigens absoluter Quatsch, wenn sie Selbstzweifel überwunden werden).
Es ist von großem Vorteil, und beschleunigt das Lernen, wenn sich ein Gesangschüler bewusst ist, das er zum Unterricht geht um aus seinen Fehlern zu lernen. Hierbei ist es am Pädagogen konstruktiv zu korrigieren und den Leistungsdruck aus der Unterrichssituation zu nehmen.
Ich meine damit nicht, das man den Schüler in den Himmel loben soll. Im Gegenteil. Der Lehrer muss jeden Fehler korrigieren aber ohne die Leistung/den Gesang des Schülers zu bewerten. Bewertung hilft in Lernsituationen nicht weiter, dafür gibt es später die Konzerte und die Konzert-Kritiken.
Ich habe erlebt, das ein erwachsener Anfänger, der sich selber nicht bewertet, ganz einfach die schwierigste Übung nachsingen kann, ohne das ich viel erklären muss. Wenn das Gehirn nur ein Signal sendet: Sing die Übung nach! Folgt der Körper dem Gehirn ohne zu zögern.
Wenn dann ein Fehler passiert, welchen der Pädagoge konstruktiv und präziese korrigiert ohne Druck aufzubauen bekommt der Körper optimalerweise vom Gehirn den Befehl: Sing noch mal mit dieser Korrektur. Und der Körper kann der eindeutigen Anweisung des Gehirns folgen.
Wenn aber durch die Korrektur des Pädagogen Leistungsdruck oder Unklarheit entsteht, gibt das Unterbewusstsein den sehr wagen Befehl: Vermeide den Fehler!  Was wieder zu einem wackeligen Einsatz mit drei Fragezeichen dahinter führt.
Ich möchte dazu ermutigen Musik konstruktiv und ohne Leistungsdruck zu unterrichten. Das Gehirn von Mensch und Tier ist darauf ausgerichtet zu lernen. Dafür muss nur eine geistige Offenheit in der Unterrichtssituation geschaffen werden, damit durch das konstruktive Zusammenspiel von Übungen und Korrekturen, erfahren werden kann wie man am schönsten singt. Dieser Prozess kann am schnellsten stattfinden, wenn er nicht durch Selbstkritik oder Leistungsdruck von außen unterbrochen wird.
Jeder Fehler ist eine Einladung um daraus zu lernen. Als Schüler und auch als Lehrer.